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18. Dezember 2009
GEWALT SCHRECKT INVESTOREN AB.
Aufstand der Mapuche-Indianer in Chile setzt Regierung unter Druck.
Ureinwohner fordern mehr Autonomie – Behörden gehen mit Antiterrorgesetzen gegen Gewalt vor. Eva Vergara
Quelle: http://www.epochtimes.de/

Mapuche Krieger.
Kein Bild aus alten Tagen, sondern vom 13. November 2009. Ein junger Krieger der Mapuche patrouilliert in Temucuicui, Chile. Foto: AP Photo/Francisco Negroni.

Temucuicui/Chile (APD) Mit der Besetzung von Waldgebieten, Angriffen auf die Polizei und Brandanschlägen auf Busse haben Mapuche-Indianer in Chile die linksgerichtete Regierung so unter Druck gesetzt, dass diese zur Eindämmung der Gewalt inzwischen auf Maßnahmen aus der Zeit der vor 20 Jahren Ende gegangenen Diktatur zurückgreift. Die Ureinwohner wollen mit ihren Aktionen Forderung nach Land und Autonomie durchsetzen. Die Regierung von Präsidentin Michelle Bachelet verfolgt sie mit Hilfe von Antiterrorgesetzen, die noch von Machthaber Augusto Pinochet stammen.

Das harte Vorgehen der Polizei überschattet Bachelets anderweitig makellosen Ruf in Sachen Menschenrechte. UNICEF, die UN-Menschenrechtskommission und andere internationale Organisationen haben sich besorgt über mögliche Misshandlungen geäußert.

Im August wurde ein Mapuche-Aktivist von einem Polizisten getötet. Bachelet sagte daraufhin, sie verstehe die historisch begründeten Forderungen der Ureinwohner, die einst den größten Teil Patagoniens in Südchile besiedelten. Über Jahrhunderte diskriminiert und von fruchtbarem Land vertrieben, leben die meisten von ihnen inzwischen in verarmten Gemeinden in der Region Araucanía oder als billige Arbeitskräfte in der Hauptstadt Santiago.

Doch nichts rechtfertige die Gewalt, der mittlerweile vier Mapuches zum Opfer fielen, sagt Bachelet. 100 weitere wurden verurteilt oder inhaftiert, mehr als 30 von ihnen wurde im Rahmen der Antiterrorgesetze der Prozess gemacht. „Es muss klar sein, dass der einzige Weg, die legitimen historischen Forderung des Volks der Mapuche zu lösen, der Dialog ist“, sagt die Präsidentin.

Während und noch nach ihrem Wahlkampf 2006 versprach sie, die Antiterrorgesetze nicht gegen die Mapuche anzuwenden. Ihre Regierung sieht darin nun aber eine notwendige Reaktion, und schließlich entschieden letztlich Richter über ihre Anwendung. „Das sind Terrorakte wie das Schießen auf Menschen, das Anzünden von Bussen und Fabriken“, sagt der Minister für indigene Angelegenheiten, José Viera Gallo.

Auf einer Reise durch das Konfliktgebiet 650 Kilometer südlich von Santiago Mitte November sahen Reporter Frauen, ältere Menschen und ein Baby mit Verletzungen aus Schrotgewehren. Ihre Furcht war greifbar, aber ebenso ihre Entschlossenheit, den Kampf fortzusetzen, friedlich oder gewaltsam.

Gewalt schreckt Investoren ab.

Die Mapuche widersetzten sich mehr als 300 Jahre lang spanischer oder chilenischer Herrschaft. Erst 1881 wurden sie militärisch besiegt und mussten in Araucanía siedeln. Viele der heute unter 17 Millionen Einwohnern lebenden 700.000 Mapuche verteilen sich auf 2.000 Gemeinden in Araucanía. Etwa 100 rebellieren offen gegen die Regierung, die meisten anderen sind für friedliche Verhandlungen über Land und Versorgungsgüter.

Aktivisten haben Wälder besetzt, Polizisten angegriffen und Reisende auf der Fernstraße Panamericana aus den Fahrzeugen gezwungen. Die Wagen steckten sie dann in Brand. 27 Busse im Wert von jeweils 100.000 Dollar wurden so allein in den vergangenen zwei Jahren zerstört. Der Aufstand schreckt auswärtige Investoren ab, so dass die örtliche Wirtschaft leidet.

Die aktivste Kampfgruppe wird von Hector Llaitul angeführt. Der 42-Jährige wurde unter Terrorverdacht festgenommen, ihm drohen 40 Jahre Haft. Llaitul sagt, die Mapuche seien zu Verhandlungen bereit. Zugleich erklärt er in einem Interview im Gefängnis, Blut und Schweiß müssten fließen, um Land wiederzubekommen. Vorwürfe der Regierung, die Indianer würden von der kolumbianischen Rebellenorganisation FARC oder der baskischen ETA unterstützt, weist er zurück. Andere inhaftierte Mapuche beschuldigen die Regierung der Folter, außerdem würden Beweise gefälscht.

Bachelet hat eine politisch autonome Zone für die Mapuche ausgeschlossen. Minister Gallo sagt, eine Autonomie wie jene der Basken oder der Katalanen in Spanien sei in Araucanía nicht möglich, weil die Mapuche überall eine Minderheit seien. Statt dessen setzte sich Bachelet für den Aufkauf und die Übertragung von Land für die Ureinwohner ein. 650.000 Hektar gingen so zur gemeinschaftlichen Nutzung an mehr als hundert Gemeinden. Seit sich die Landpreise im vergangenen Jahr fast verdreifacht haben, hat die Aktion aber an Schwung verloren.

„Frieden, aber keine Friedhofsruhe“

Nun denkt Bachelet über den „Plan Araucanía“ nach, der ihr von einem Bündnis aus hundert Mapuche-Gruppen und regionalen Unternehmern vorgeschlagen wurde. Er sieht eine formelle Anerkennung der Mapuche-Kultur und sozioökonomische Unterstützung vor. „Es ist ein Versprechen vom Land, unsere Probleme ohne Gewalt oder Unterdrückung zu lösen“, sagt Andres Molina, ein Gewerkschaftsführer, der mit Unternehmern und Vertretern der Mapuche an dem Plan gearbeitet hat. „Die Region will Frieden, aber keine Friedhofsruhe.“

Doch sogar Mapuche, die sich für Gewaltfreiheit einsetzen, sagen, dass sie unter dem Vorgehen der Polizei leiden. „Die Polizei respektiert uns nicht. Sie feuern ihr Tränengas, ihre Gummigeschosse, ihre eisernen Kugeln“, sagt Daniel Queipul aus dem Dorf Temucuicui, dessen Mehrheitsfraktion sich dort um eine Zusammenarbeit mit der Regierung bemüht. Während die Behörden die Ureinwohner beschuldigen, Kinder als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen, sagt Queipul, die Dorfgemeinschaft habe UNICEF eine Liste mit den Namen von 32 Kindern übergeben, die Opfer von Tränengasangriffen geworden seien.

„Mein Haus ist etwa zehn Mal durchsucht worden, und sie haben mir nie einen Durchsuchungsbefehl gezeigt, und die Razzien waren immer extrem gewaltsam“, sagt Griselda Alhueque. „Sie misshandeln die Frauen, die Kinder. Sie halten sich nicht zurück, sie kommen immer mit gezückter Waffe herein.“